Nicht vergessen.

Stolpersteine für die Familien Wilk und Schnall

Am 22. Juni wurden in Niesky Pflastersteine verlegt. Nicht zur Reparatur und um den Weg zu erleichtern, sondern im Gegenteil: zum Stehenbleiben.

Drei glänzende Pflastersteine, genannt „Stolpersteine“, kamen vor dem alten Amtsgericht neben dem Rathaus in den Boden. Sie sollen an die Familie Wilk erinnern. Für die Familie Schnall wurden vier Steine in der Görlitzer Straße verlegt. Beide Familien wurden von den Nazis deportiert und ermordet – weil sie Juden waren. Einzig der Junge Immanuel Wilk hat überlebt.

Ausstellung und Gedenkveranstaltung

Anschließend wurde die Ausstellung „Zwei Kinder. Zwei Schicksale“ im Konrad-Wachsmann-Haus eröffnet. Schüler der 10. Klasse des Friedrich-Schleiermacher-Gymnasiums hatten in einem Schulprojekt, inspiriert durch den Religionsunterricht, die Recherchen angestellt. Sie stellten die Informationen auch während der Stein-Zeremonien vor. Zuvor wurde durch den Förderverein „Freunde des Gymnasiums“ ein Baum, eine Hängeblutbuche, im Park der Generationen gepflanzt. Der Posaunenchor spielte, Lauren Leidermann sang ein jüdisches Gebet. Sie begleitete eine Gruppe von Nachfahren jüdischer Familien aus der Oberlausitz, die aus Israel, den USA und sogar Australien gekommen waren.

Die H.E.R.Z.-Fraktion nahm natürlich an der Gedenkveranstaltung teil.

Stadtrat Andreas Konschak sagt dazu: „Gerade die Erinnerungskultur ist mir sehr wichtig. Die sechs Millionen ermordeten Juden beschäftigen mich schon seit meiner Jugend. Ich begrüße die Stolpersteine in Niesky und freue mich sehr über das große Interesse an den Veranstaltungen.“

Stadtrat Harald Prause-Kosubek ergänzt: „Nun gibt es auch in Niesky Erinnerungsorte jüdischen Lebens. Dies ist wichtiger denn je. Das durch Schüler:innen des Schleiermacher-Gymnasiums angeregte Projekt brachte zahlreiche Nieskyer:innen sowie in den USA und Kanada lebende Angehörige der beiden Familien zusammen. Für uns als H.E.R.Z.-Bündnis ist die Geschichte der Stadt und ihrer Bewohner:innen ein wichtiger Bestandteil der Kommunalpolitik. Nur wer seine Geschichte kennt, kann die Zukunft gut gestalten. Die Pflanzung eines Baumes im Park der Generationen, organisiert durch den Verein Freunde des Gymnasiums, rundet dieses wichtige Gedenken würdig ab.“

André Schulze, H.E.R.Z.-Mitglied: „Es ist ungemein wichtig, daran zu erinnern, welche Folgen es hat, wenn man beginnt, andere Menschen allein aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Religion oder ihrer Weltanschauung herabzuwürdigen und zu verfolgen.“

Erinnerung als Auftrag für die Gegenwart

An diesem Beispiel wird deutlich, dass Verfolgung auch vor Kindern nicht Halt machte. Wer will, dass das eigene Kind so etwas erleiden muss? Wer kann zusehen, wie anderen Kindern so etwas zugefügt wird? Auch heute stehen wir wieder an der Schwelle, an der Menschen aufgrund ihrer Herkunft ausgegrenzt und abgewiesen werden.

Auch der Architekt Konrad Wachsmann, mit Niesky historisch eng verbunden, war jüdischer Abstammung und konnte Deutschland seinerzeit mit Hilfe Albert Einsteins rechtzeitig verlassen und der Verfolgung entgehen.

(Die Ausstellung zu den Kindern ist bis Mitte Juli im Konrad-Wachsmann-Haus zu sehen. Ebenso ist die Wanderausstellung zu Konrad Wachsmann noch bis zum 5. Juli aufgebaut.)

Stolpersteine in Europa

In dieser Woche (während der Gedenkwoche „Jewish Remembrance Week 2026“) werden im Landkreis Görlitz insgesamt 74 Stolpersteine zum Gedenken an jüdische Holocaust-Opfer verlegt. Das Gedenknetzwerk in der Oberlausitz wächst damit um mehr als 20 Orte. (1)

„Stolpersteine“ ist ein KunstDenkmal, das der Künstler Gunter Demnig vor über 30 Jahren ins Leben rief. Es ist ein Projekt, das die Erinnerung an die Vertreibung und Verfolgung der Juden, der Sinti und Roma, der politisch Verfolgten, der Homosexuellen, der Zeugen Jehovas und der Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“ lebendig hält.

Bislang liegen 116.000 STOLPERSTEINE in über 1.860 Kommunen in 31 europäischen Ländern, die meisten davon in Deutschland. Das KunstDenkmal ist somit das größte dezentrale Mahnmal der Welt. Würden sich alle unsere STOLPERSTEIN-Initiator:innen und Unterstützer:innen persönlich treffen wollen, dann würden die 74.475 Sitzplätze des Olympiastadions in Berlin nicht ausreichen.

Stolpersteine liegen bislang in Österreich, Belgien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Irland, Italien, Kroatien, Lettland, Litauen, Liechtenstein, Luxemburg, den Niederlanden, Norwegen, Polen, der Republik Moldau, Rumänien, Russland, Schweden, der Schweiz, Serbien, der Slowakei, Slowenien, Spanien, Tschechien, der Ukraine und Ungarn. (4)

Text: André Schulze

Quellen / Weiterführende Links:
(1) https://www.saechsische.de/lokales/goerlitz-lk/stolpersteine-gedenknetzwerk-in-der-oberlausitz-waechst-um-mehr-als-20-or-
te-KVTG3AAYBFEBXDTSLN2MONPG6Y.html?outputType=valid_amp

(2) https://www.saechsische.de/lokales/goerlitz-lk/goerlitz/niesky-verlegt-erste-stolpersteine-sieben-steine-erinnern-an-verfolg-
te-juedische-familien-66J3QFYMCFBFFPQBLVRQXJXVUQ.html

(3) https://www.ardmediathek.de/video/mdr-sachsenspiegel/juedisches-leben-in-niesky-erinnern-an-konrad-wachs-
mann-und-andere-geschichten/mdr/Y3JpZDovL21kci5kZS9iZWl0cmFnL2Ntcy85ZGYxNWY3Ni0wZDVmLT-
Q0YmYtYjdkYi0zMmU3Njc0MDUxZDQ

(4) https://www.stolpersteine.eu

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